Holzobjekte

 

 

 

Von der allmählichen Verfertigung des Unfertigen im Fließen.

Eine Annäherung zur Person und zum Werk von Arno Jungreithmeier

von Norbert Trawöger

Arno Jungreithmeier lebt zeit seines Lebens am Welser Mühlbach. Nie hat ihn der Bach verlassen, nur er entfernte sich einmal für Monate in ein „Mühlviertel am Meer“, ins spanische Asturien und dies letztlich nur, um ein noch intensiveres Verhältnis zum Bach aufzunehmen. Der Bach in all seinen unwiederholbaren Aggregatzuständen, seiner stabilen Flüchtigkeit, dem beruhigenden Rauschen, ist Arno Jungreithmeier seit seinen ersten Kindheitsschwimmzügen zum Lebensstrom geworden. Der Bach war und ist eben nie nur liquid-begrenzende Tangente am Rande seines Wohn – und Lebensraums gewesen, sondern immer Partner und als solcher endlos pulsierender Schöpfungs(zu)fluss. Ein Leben am Fluss vermag ein Leben im Fluss einzumahnen und einen Anspruch zu manifestieren, sich in Bewegung zu halten. So sprang Jungreithmeier, selbst gelernter und gewachsener Goldschmiedemeister, aus dem Feld seiner brillant-edelmetallbearbeitenden Dynastie in das für ihn nicht kalte aber salzhaltige Wasser einer Reise ins asturische Mühlviertel. Ein Jahr sollte es werden und genau mit der Wendezeit vom zweiten ins dritte Jahrtausend synchron sein.

Distanz schafft Nähe im Blick auf das eigene Müssen, das durch das Wollen zu oft verstellt ist. Mit der neuen Sprache, dem Spanischen, das er zu lernen hatte, denn nur dann „kannst du ins Land und seine Menschen eintauchen“, scheint er auch unentdeckte Akzente in seiner eigenen Sprache entdeckt zu haben. Ein neues Vokabular beginnt sich zu finden und auszuformen, der Klang von Edelmetall bietet weicheren Holztönen ihren angestammten Ausdrucksplatz an. Ein Holzzeitalter bricht in Arno Jungreithmeiers Lebensfluss an und gewinnt an Bestimmung. Sägewerke, Schrottplätze um Avilès werden seine hölzernen Sammelpunkte, vorerst um im Bau von Möbeln haptischen Ausdruck zu finden. Er macht sich das Holz bewohnbar, beginnt sich neue Räume zu zimmern. Vor lauter Bäumen beginnt er immer deutlicher dem Geruch des eigenen Waldes zu trauen – nicht wissend, wohin die innere Reise geht, aber klar spürend, dass es das Holz ist, aus dem er geschnitzt ist. Auch heute noch holt er sich mehr oder weniger alle Hölzer aus Spanien. Er wird immer mehr ein Holzfinder, ein Hölz-er-finder. Kein Holzstück ist zu vernachlässigen, alles ist am Weg wie Jungreithmeier selbst.

Nach der Rückkehr in die erste Heimat wird mit der Errichtung einer Werkstätte Raum für ein Audruckslabor geschaffen. Ganz nahe am Bach steht es, beugt sich nahezu ins fließende Gewässer, um zu indizieren, wohin es gehen muss, auch wenn die Richtung erst an Konturen gewinnt. Jungreithmeiers erstes Herzelement, das Wasser, drängt sich auf. Der Bach treibt nicht nur Mühlen und Wasserräder an – bemerkenswerte dieser Räder entstammen der Zusammenarbeit von Jungreithmeier mit Wolf Eiselsberg –  und bringt einen schöpferischen Ausgangspunkt ins Spiel.

Der Bach mahlt Korn, malt aber auch Spuren in sein Bett oder in und an seine Ingredienzien. Eine langjährige Beobachtung, die Jungreithmeier dem Bach bewusst Gegenstände, Hölzer, Bretter anvertrauen lässt.  Das Vertrauen ist groß. Er traut der Spurenziehung des Baches.

Die Hölzer kommen in den Bach, bleiben aber durch die Begrenzung eines Käfigs bei seinem Beigeber. Der Bach umfließt sie, streichelt sie, hinterlässt seine Spuren und Sedimente. Der Bach bearbeitet sie im Vorbeifließen. Die Hölzer stellen sich ihren Prozessen, in all ihrer Eigenart, in all dem, wie das Leben Spuren an unsere Seelen zu zeichnen vermag und vielleicht genau in dem Bewusstsein, dass wir wie die Hölzer vom Fluss getragen werden können. – In der Zufälligkeit, in der auf nichts mehr Verlass ist, als auf den Zufall, der sich ergibt, wenn man im Fluss ist.

Arno Jungreithmeier bildet sich dabei zum Meister aus, immer wieder lehrt ihn der Bach die Zeichensetzung anzunehmen, die Hölzer dem Prozess zeitweilig zu entziehen, sie trocknen zu lassen, sie stehen zu lassen, im Labor verschwinden zu lassen, bevor sie wieder auftauchen, sie genauestens zu sichten, zu begutachten – auf Stimmigkeit. Eine Stimmigkeit, die sich erst zeigt, wenn es stimmt, wenn die Bretter zu singen beginnen. Es ist ein Experiment der Verfeinerung, zeitaufwändig, Geduld beibringend, aber sich unentwegt  zum Werk bewegend. Zwischen den Flussabschnitten setzt Jungreithmeier seine eigenen Zeichen: archaische Bohrungen, höhlenzeichnerische Farben, kultische Schnitte oder Schleifungen, um dem Werk auf den Weg zu helfen, es wieder in den Fluss zu geben, bis es allein Fließen lernt, nicht durch die Spuren des Bachs, sondern animiert von diesem und beatmet, umsorgt, umhegt, gelenkt von Jungreithmeiers künstlerischer Intuition, die sich permanent weitet, die versuchsfreudig offen bleibt, Erfahrungen annimmt, sich trotzdem überraschen lässt und ihn in schier unendliche Geduld einübt. Diesen Prozess in seinen unberechenbaren Dauern anzunehmen, war und ist sein eigenes Lernfeld – ein in unseren Zeiten nahezu unaushaltbarer Vorgang, dessen chronischer Anachronismus Demut und ein Sensorium ausprägt, das seinem Werk in einer unverwechselbaren Urgründigkeit anzusehen und zu erspüren ist.

Ein hochkomplexer, mitunter raffinierter Vorgang, dem jede Absicht bis zur Endgültigkeit ausgetrieben,  ausgeschwemmt wird. Die Interventionen des Loslassens dienen dem Loslassen, um sich zum Werk aufschwingen zu können. Und manchmal sind es die unbeachteten Rückseiten der Werke, die sich hinterrücks vorerst unbeachtet zur Stimmigkeit aufgemacht haben.

Alles ist Werk, was den Weg bis zur singenden Absichtslosigkeit geht. Sein Meister lässt nicht ab davon, die Unbeirrbarkeit macht das Werk erblickbar, seine stille und gelassene Schwingungswütigkeit es spürbar!

Eine allmähliche Verfertigung des Unfertigen im Fließen, könnte man nach Kleist sagen.

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